Naturdinner

DeutschMan muss sich doch regelmäßig daran erinnern, warum man diese ganze Gesellschaftsverbesserei überhaupt macht: Um auch noch in 100 Jahren zu französischem Cidre aus der Bretagne und einer Avocado-Apfel-Walnuss-Vollkornpasta auf zwitschernd grüne Landschaften blicken zu können, ohne dass man dabei Granatenfeuer oder Terroranschläge fürchten muss. Es lebe das Leben!

Naturdinner

EnglishIt is required to regularly remind oneself, why you actually do all this society-improvement thing: to be enabled to view on green landscapes while enjoying an avocado-apple-walnut-whole-grain-pasta besides french cider from the Bretagne in still 100 years, without having to fear grenade fire or terror attacks. Long live the life!

Der lange Atem des Bastlers

27. November 2014 – Ich arbeite im RepairCafé. Ehrenamtlich, wie alle anderen hier. Nach einem erfolgreich reparierten Navigationsgerät war nun Elke an der Reihe. Ihr Notebook ging nicht mehr an. Ein Medion Akoya P6624. Es zeigte keine Regung, wenn man den Taster zum Einschalten drückte. Keine Lampe, kein Lüftergeräusch, kein Bild – nichts.
Die erste Frage wurde mit einem Spannungsmessgerät geklärt: Das Netzteil funktioniert, der Rechner wird mit Strom versorgt. Ok, also aufschrauben. Es war nicht ganz einfach, herauszufinden, wie das Gehäuse geöffnet werden kann, aber mit den zwei weiteren Augen von Sebastian, einem jungen Schüler, konnten wir nach und nach alle Teile ausbauen und das Mainboard zum Vorschein bringen. Auch dieses bekommt Saft. Die CMOS-Batterie, durch deren Energie einige Einstellungen wie z.B. die Systemzeit zwischen den Betriebszeiten des Rechners gespeichert werden, war auch noch in Ordnung. Auch das längere Abkoppeln der Batterie vom System half leider nichts. Es musste Wissen her.
Die Recherche im Internet war schwierig. Nicht viele der ersten Treffer konnten für unser Problem verwertet werden. Aber dann doch: Ein Angebot auf eBay bot die Reparatur von Medion-Akoya-P6624-Rechnern an, deren Symptome auf unsere passten: “Das Gerät lässt sich von heute auf morgen einfach nicht mehr einschalten!” und “Der Akku lässt sich nicht laden!”

eBay offerUnglaublich! Es gab also Menschen, die etwas wussten. Die genauere Informationen darüber haben, was hier für ein Problem vorlag. Was die Ursache war. Und vor allem, wie man das Problem lösen kann. Das wollte ich nun herausfinden!

Mit etwas Recherchegeschick und einem Telefonat gelang es mir, die Telefonnummer des eBay-Anbieters herauszufinden. Kollegen vom RepairCafé sagten im Vorfeld, dass dieser jene bestimmt nicht einfach so mit Informationen herausrücken wird. Klar, es ist eins seiner Geschäfte, diese Notebooks zu reparieren. Aber nun gut, manchmal möchte ich ein naiver Optimist sein. Lieber eine Möglichkeit getestet, als sie von vornherein als “sinnlos” abzustempeln.
Ich wählte die Telefonnummer. Auf der anderen Seite klingelte es. Ein Herr nahm ab. Wir begrüßten uns und ich begann, mein Anliegen vorzutragen: “Ja, hallo, wir haben im RepairCafé …. und haben ihr Angebot entdeckt … können Sie uns helfen … ### Kontaktabriss. Das Telefonat wurde unterbrochen. Ich wählte die Nummer erneut, und diesmal wurde nicht mehr abgenommen. Sein Geheimnis sollte sein Geheimnis bleiben.

Ich recherchierte weiter. Verschiedenste Kombinationen von Suchbegriffen. Deutsch und englisch. Irgendwo muss es doch noch mindestens einen zweiten Hinweis auf die Ursache das Problems geben, oder?
Und da war er, der zweite Hinweis. Wieder ein eBay-Angebot; diesmal wurde direkt ein EC-Chip angeboten, der das Power-Problem der P6624-Serie angeblich beheben könnte.

eBay offer chip

Ein tunesischer Shop vertreibt kleine Mikrochips, mit dem Hinweis, dass diese UNSER Problem lösen könnten. Langsam beginnt die Sache leicht nach einer Sollbruchstelle zu riechen. Jedenfalls bestellte ich den Chip sofort. Außerdem bat ich die Tunesier, mir Informationen über das Problem der P6624er-Serie zu schicken. Wir wussten ja gar nichts darüber. Sogleich schrieb ich Elke, dass wir uns mit neuem Tatendrang beim nächsten RepairCafé treffen sollten.

18. Dezember 2014 – Das letzte RepairCafé in diesem Jahr. Die Tunesier hatten geantwortet.

Dear customer
this problem is famous on the notebooks serie P6624 and aspire 5740.
when you see the 3.3v on the pin 8 of the chip like the picture, and the laptop not power up, that means that the software in this chip was corrupted.
you are welcome!
Best Regards.

Bildschirmfoto - 29.01.2015 - 23:12:32

Ich war nun wieder sehr zuversichtlich und Sebastian und ich begannen erneut Elkes Laptop bis auf die Unterhosen auszuziehen. Da lag das Mainboard wieder vor uns mit all seinen vielen Schaltkreisen und Bauelementen und … und … verdammt, welcher der vielen Chips dieser Größe soll es denn nun bitte sein? Und es waren wirklich sehr viele. Da der Chip laut Angebot bereits fertig programmiert war und das Power-Up-Problem lösen sollte, konnte es sich eigentlich nur um den BIOS-Chip oder um ein im Umfeld des BIOS-Chips befindliches Bauteil handeln.
Nach einer weiteren Recherchephase konnten wir die Position des BIOS-Chips ausfindig machen. Schon der erste Eindruck schloss ihn eigentlich als den auszutauschenden Chip aus: Er war größer als der Ersatzchip, der neben uns bereit lag. Auch konnten wir die 3,3V nicht messen, die die Tunesier als Indiz dafür beschrieben, dass es ich hier um das bekannte Problem der P6624er-Serie handeln würde. Die Motivation sank. Wir konnten nichts tun. Wir mussten zunächst herausfinden, wo sich der zu tauschende Chip auf dem Board befindet.

29. Januar 2015 – Als ich das RepairCafé betrat, war es brechend voll. Viele Menschen waren gekommen, um gemeinsam und mit der Hilfe der Ehrenamtlichen zu reparieren. Die Fahrradwerkstatt war bereits geschäftig und auch die ersten Küchengeräte wurden auseinander genommen. Schon an der Eingangstür wurde mir Mustafa vorgestellt, ein Asylbewerber, der an einem Integrationsprogramm der Caritas teilnimmt. Der junge Somalier ist Computertechniker und seine Kontaktperson hatte sich gedacht, dass er seine Erfahrungen hier bestimmt gut einbringen könnte. Eine schöne Idee!
Elke war bereits schon vor Ort und entschuldigte sich zunächst, dass ihr mitgebrachter Kuchen bereits restlos verspeist wurde. Ich habe mir berichten lassen, dass er sehr gut geschmeckt hat. Kurze Zeit später kam auch Sebastian zur Tür herein und wir, das 3-köpfige Team, konnten unsere Arbeit an P6624 wieder aufnehmen. Denn die Tunesier hatten erneut geantwortet:

Dear customer
can you check the picture.
you are welcome, a happy new year to you too.
Greeting!

chip positionWir hatten also die Position. Meine Zuversicht stieg erneut, aber gleichzeitig auch meine Nervosität. Heute würde klar werden, ob sich all der Aufwand über die letzten zwei Monate gelohnt hatte. Wir legten erneut das Mainboard frei und machten den Chip ausfindig. Wie im Bild markiert befand er sich unter der schwarzen Abdeckung. Er war blau markiert. Schon bereits während der Produktion des Mainboards oder während der Fertigung des Laptops muss dieser Chip mit blauer Farbe markiert worden sein. Es begann wieder nach Sollbruchstelle zu riechen, diesmal stärker und ekelhaft.
Der Spannungsmesser wurde vorbereitet. Das Mainboard an sein Netzteil angeschlossen. Ich berührte mit der schwarzen Messspitze die Außenhülle des Netzkabels. Mit der roten Messspitze berührte ich, wie von den Tunesiern beschrieben, den Power-Pin des Chips auf dem Mainboard. Wenn wir jetzt 3,3V auf dem Spannungsmesser angezeigt bekommen, ist das ein starkes Indiz dafür, dass sich der Austausch des Chips lohnen könnte.

Tatsächlich: Wie prognostiziert konnten wir 3,28V auf dem Display ablesen. Positive Stimmung machte sich unter uns und unseren Zuschauern breit. Elke hob beide Daumen. Der Austausch konnte beginnen.
Ich hatte mir extra einen SMD-Lötkolben bei meinem Mitbewohner geliehen. Das ist ein Lötkolben mit besonders feiner Spitze für die Arbeit mit Mikroelektronik. Es war nicht einfach den Chip mit seinen je vier Beinen auf jeder Seite zu lösen, aber es gelang uns. Einseitig lösten wird den Chip vom Board und bogen ihn nach oben. Ich wusste nicht, ob wir die Füße auf der anderen Seite lieber vom Chip abbrechen und einzeln ablöten sollten, oder im Verbund mit dem Chip. Mustafa aber machte kurzen Prozess, bog den Chip zwei, drei mal hin und her und schon blieben nur die restlichen vier Beinchen auf dem Board zurück. Das alte Bauteil mit der blauen Markierung war entfernt.
Nach der Säuberung der Lötstellen waren wir bereit, den neuen Chip einzusetzen. Bevor wir uns aber die Mühe machten, entschieden wir, den neuen Chip erst einmal nur auf die Kontaktflächen zu drücken und den Einschaltvorgang auszulösen. Wenn das klappen würde, könnten wir ihn dann richtig einsetzen.
Wir bereiteten alles vor. Tesafilm sollte den Chip fixieren. Sebastien presste den Chip zusätzlich auf die Kontaktflächen. Mustafa hatte nebenbei einen Drucker repariert. Ich betätigte den Powerschalter.

Nichts. Auch mehrmaliges betätigen änderte nichts. Der Rechner gab keinen Mucks von sich, keine der LED-Lampen jubelten uns zu. Stille. Erste Enttäuschung. Wir versicherten uns, dass weiterhin Spannung am Powerpin zur Verfügung stand und auch das war der Fall. Nun gut. Vielleicht sind die Kontakte doch nicht ausreichend verbunden. Wir entschieden uns, den neuen Chip zumindest einseitig anzulöten. Sebastian presste die andere Seite fest an die Kontaktstellen und wir wiederholten den Einschaltvorgang.

Nichts. Schade. Es sah langsam so aus, dass die Ursache eine andere war oder wir durch ungeschicktes Löten andere Probleme geschaffen hatten. Jedenfalls war auch dieser Versuch gescheitert. Die Zuversicht schwand. Enttäuschung machte sich breiter.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich entschied mich auch die restlichen vier Beine fest anzulöten, das Mainboard so weit es geht wieder einzubauen und mit allen umliegenden Kabeln zu verbinden. Das war schnell erledigt, dank unserer inzwischen erfahrenen Hände. Sebastian merkte an, dass wir auch die bisher vom Mainboard getrennte Batterie wieder anschließen sollten, damit auch wirklich alles komplett ist. Eine gute Idee. Es blieb uns nur, den Power-Knopf zu drücken. Und das tat ich.

Nichts.

Nein, stimmt nicht. Eine blaue LED leuchtete auf, der Lüfter begann zu drehen, der Bildschirm sprang an und der Rechner tat plötzlich wieder das, was wir von ihm kennen: Er beschwerte sich. Aber er beschwerte sich! Wow! Wir hatten es geschafft! Ich atmete tief durch und lächelte in mich hinein. Wir haben etwas erreicht. Der Austausch war ein voller Erfolg!
Eifrig bauten wir alle restlichen Teile wieder zusammen, schraubten alles fest, hatten eine Schraube über, schraubten wieder alles auseinander, befestigten das Mainboard, schraubten wieder alles zusammen und wollten es noch einmal ausprobieren. Und wieder regte sich Leben in Elkes Computer und er war auch wieder vollkommen zufrieden, jetzt wo er wieder alle Teile in sich hatte. Er beschwerte sich nicht mehr. Er wollte nur noch ein Kennwort. Wir alle waren froh, klopften uns gegenseitig auf die Schulter und verabschiedeten uns in unseren wohlverdienten Feierabend.

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Man könnte mich jetzt fragen, warum ich all das mache. Warum ich Zeit in ein Ehrenamt beim RepairCafé investiere. Das ist ganz einfach: Weil sich etwas ändern muss. Wir müssen uns ändern. Wir können nicht immer mehr und immer öfter neu kaufen und nicht wissen, wie wir es wieder reparieren können. Wir können unsere wertvollen Ressourcen nicht weiter so verschwenden. Sie sind endlich. Wir müssen wieder lernen, alles materielle zu schätzen. Es nicht sorglos wegzuwerfen. Wir müssen einfordern, dass Produkte lange halten und leicht zu reparieren sind. Wir müssen uns empören, wenn sie sogar absichtlich so gebaut sind, dass sie irgendwann kaputt gehen – geplante Obsoleszenz genannt. Damit müssen wir die Hersteller und Händler konfrontieren. Das muss ein Kundenwunsch, nein, eine Kundenforderung werden. Ein Mindestqualitätsanspruch!
Auch gegenseitige Hilfe muss wieder Normalität werden, geteilte Freude, gemeinsames Lernen, nicht Konsum in Isolation. Und weil ich das von niemandem verlangen kann, mache ich es selbst. “Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt!” – Mahatma Gandhi

Winterbotschaft

Es knackt und friert.
Die Luft ist kalt.
Das Thermometer ist in negativer Stimmung.
Eine weiße Winterdecke bekleidet die Landschaft, und dort
– HEUREKA –
Eine Zeichnung im Schnee.
Auf dem Frontglas eines PKW.
– Romantik pur –
Die Träumereien einer unbeschwerten Jugend.
Ein Zeugnis von Dichtern und Denkern.
Ein Penis.

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